Vom Gottesacker zum Quartierpark

Friedhofsportal

Das alte Friedhofsportal an der Kannen­feld­strasse mit den vier Standbildern biblischer Propheten nach einem Entwurf von Ernst Stückelberg.


Neue Friedhöfe weit vor der Stadt

von Roger Jean Rebmann

Obwohl man in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts versuchte der steigenden Anzahl der Bestattungen mit dem Anlegen neuer Gottesäcker am Stadtrand Herr zu werden, reichte das bald nicht mehr aus. Kaum ein Jahrzehnt verging, ohne dass man nicht da und dort Erweitern oder Ausbauen musste. Diese Begräbnisstätten, wie etwa der Spalen-Gottesacker, erwiesen sich als ständige unzureichende Provisorien denen die Überbelegung schon vom Eingangstor aus anzusehen war.

In den 1860er Jahren beschloss man, den teils wenig pietätvollen Zuständen ein Ende zu machen und mit grossen Friedhöfen weit vor der Stadt dauerhaft bessere Bedingungen zu schaffen. Mit den Projekten zu den neuen Gottesäckern Wolf und Kannenfeld ging man die Sache an. Auf der Suche nach einem geeigenten Grundstück stiess man auf eine Weide auf welchem der Betreiber des Wirtshauses "Zur Kanne" seine Enten in freier Bodenhaltung rumwatscheln liess (noch heute erinnert die nahe Entenweidstrasse daran). Man nannte das Grundstück "Kannenfeld".

Hier sollte ein 1862 projektierter neuer Gottesacker angelegt werden, der Amadeus Merian als monumentale Nekropole mit eigener Kirche und Arkadenhalbkreis vor dem geistigen Auge schwebte. Die Vision wurde aber jäh auf den Boden baslerischer Realitäten zurückgeholt und musste schliesslich als reduzierte Ausgabe ohne Hochbauten umgesetzt werden, mit einem Kostenaufwand von 350'000 Franken und einer geplanten Aufnahmekapazität von 723 Leichen pro Jahr.

Kritik von beiden Konfessionen

In den Jahren 1867 bis 1868 wurde auf dem Kannenfeld auf einer Fläche von 25 Jucharten der gleichnamige Gottesacker angelegt, dem sogleich Kritik entgegenschlug. In katholischen Kreisen hing man sehr am ehrwürdigen Brauch, den Sarg mit dem Verstorbenen auf Schultern ans Grab zu tragen. Mit einem so weit vor dem Mauern gelegenen Friedhof hätte man dazu ausserordentlich belastbare Schultern benötigt oder die Trauergemeinde hätte sich unterwegs mehrfach zu Ruhepausen am Wegrand niederlassen müssen, was den Anlass etwas beeinträchtig hätte.

Von reformierter Seite war wiederum eine andere Klage zu vernehmen. Der lange einsame Landweg zum Friedhof böte für einen prachtvollen Trauerzug mit bekränztem Leichenwagen und zahlreichen Trauergästen keine schöne Kulisse. Schön war es, wenn man derart durch die engen Strassen der Stadt zog und jedermann sah wer noch im Tode zu grossartiger Prachtentfaltung imstande war. Feldhasen und Igel boten hier nicht das gewünschte Publikum.

Neu war bei diesem Friedhof dass einige Partien parkähnlichen Charakter hatten. Die Reihengräber für die weniger Anspruchsvollen oder Minderbegüterten hatten ihren Platz im grossen monotonen Mittelfeld, wo man sich allenfalls mit einem besonders aufwendigen Grabstein hervortun konnte. Im Randbereich entlang der Friedhofsmauer fand man die Familiengräber an gekurvten Wegen unter lauschigen Bäumen. Einige davon waren für sich schon Baudenkmäler, wie etwa das Grabmal für den Architekten Johann Jakob Stehlin-Burckhardt und seine Familie. Das Monument mit dem blumenstreuenden Engel steht heute auf dem Wolfgottesacker und wird in diesem Beitrag auch mit Bild vorgestellt.

Zuerst kam ein Künstler

Eine besondere Sehenswürdigkeit bildet das Portal des Gottesackers mit seinen vier Standbildern der biblischen Propheten Moses, Daniel, Johannes und Paulus. Während die ersten beiden der vier Herren von Heinrich Ruf gestaltet wurden, stammten die letzteren zwei aus der Hand Rudolf Heinrich Meili. Portal und Statuen waren von Ernst Stückelberg entworfen worden. Durch dieses Eingangstor gelangte am 3.Juni 1868 der Zug amtlicher und geistlicher Würdenträger auf den Gottesacker zu dessen feierlichen Einweihung unter Posaunen- und Chorbegleitung.

Das Grabmal des Kunsthistorikers Johann Jakob Merian und seines Bruders Adolf, heute als "Pfludder-Tempelchen" beim Sandkasten bekannt.


Zuvor war man, begleitet von zahlreichen Zuschauern aus der Bevölkerung, vom alten Spalen-Gottesacker vor dem Spalentor zum neuen Begräbnisplatz hinausgezogen. Um festzuhalten dass es auch im Tode noch feine Unterschiede gab, verkündete in seiner Rede Pfarrer J.J. Miville dass auf diesem Friedhof keine anderen Toten begraben werden mögen, als jene die in Wahrheit in Gott ruhen.

Der erste Verstorbene der hier seine letzte Ruhestätte fand war der Maler Johann Jakob Neustück, der zu Lebzeiten als etwas wunderlich bekannt war. Es gab Stimmen die den Verstorben ob seines Schicksals bemitleideten, vorab ganz alleine auf dem grossen Gottesacker die Nächte verbringen zu müssen (ob man sich als Toter des nachts einsamer als tagsüber fühlt ist noch immer Gegenstand wissenschaftlicher Abklärungen).

Bald erhielt Neustück Gesellschaft der ebenfalls grosses Mitgefühl zuteil wurde - es waren Opfer der Krieges. 1871 wurden auf dem Kannenfeld die in Basel verstorbenen französischen Soldaten der in der Schweiz internierten Ostarmee von General Bourbaki bestattete. Man setzte sie in Einzelgräbern bei, deren Grabsteine mit kleinen Kanonenkugeln gekrönt gewesen seien. Unweit des Nordosteinganges erhielten sie später ein Monument, auf dem heute auch die gefallenen und vermissten Soldaten der in Basel ansässigen französischen Gemeinschaft bis 1945 verewigt sind.

Links das 1886 errichtete Grabmal des Architekten Johann Jakob Stehlin-Burckhardt mit blumenstreuendem Engel. Rechts das Grabmal von Johann Jakob Bachofen mit Muttergestalt, beide Monumente befinden sich heute auf dem Wolfgottesacker.

Vom Friedhof zum Park

Nach einigen Jahrzehnten wurde es eng und man erweiterte 1912 den Gottesacker. Dann kam 1932 die Einweihung des noch heute genutzten Friedhofs am Hörnli, der mit seinen gewaltigen Kapazitäten für alle anderen Gottesäcker Basels das Ende bedeutete. Sogleich kam der Vorschlag, das Kannenfeld zu einem Park umzugestalten. Als erste Änderung folgte das Zuschütten der Weiher an den Ecken des Friedhofes, denn in einem von ihnen war ein Kind ertrunken.

Dennoch war es nicht ohne weitertes möglich, über die Ruhestätte von 46'000 Verstorbenen hinweg einen Park anzulegen - zuviele Leute hatten noch auf dem Kannenfeld begrabene Verwandte. 1951 erreichte der lange gärende Disput um die Zukunft des Gottesackers seinen Höhepunkt. Nicht nur die Vision von einem Park blühte, es geisterte auch noch die Idee eines "Volksparks" durch einige Köpfe. Dort sollte es Spielplätze sowie Materiallager für das Tiefbauamt und die Stadtgärtnerei geben. Gleich nebenan wollte man ein Schwimmbad mit Wirtschaftsgarten und einem umfangreichen Parkplatz hinstellen. Nichts davon wurde umgesetzt. Der einstige Friedhof ist heute ein Park, der für seine botanische Vielfalt bekannt ist.

 

nach oben ^